SpaceX hat mit seinem Börsengang 75 Milliarden Dollar eingesammelt und damit den größten IPO der Geschichte hingelegt. Gleichzeitig flossen Milliarden aus US-Bitcoin-ETFs ab. Analysten vermuten, dass Anleger Kapital aus Kryptowährungen abzogen, um beim Raumfahrtkonzern von Elon Musk einzusteigen. Die zeitliche Überschneidung ist auffällig – ein Beweis für einen direkten Zusammenhang ist sie nicht.
Bitcoin war in der vergangenen Woche zeitweise bis auf rund 59.100 Dollar gefallen und erholte sich anschließend wieder in Richtung 63.000 Dollar. Parallel dazu verzeichneten die börsengehandelten US-Bitcoin-Fonds ihre bislang längste Serie von Nettoabflüssen seit der Zulassung der Spot-ETFs.
SpaceX schreibt Börsengeschichte
Der SpaceX-Börsengang stellte bisherige Rekorde in den Schatten. Das Unternehmen platzierte seine Aktien zu 135 Dollar und nahm rund 75 Milliarden Dollar ein. Reuters zufolge war das Angebot mehrfach überzeichnet. Bloomberg berichtete von Kaufaufträgen im Gesamtwert von mehr als 350 Milliarden Dollar; allein Privatanleger sollen Orders von über 100 Milliarden Dollar abgegeben haben.
Eine solche Nachfrage muss finanziert werden. Anleger halten selten unbegrenzt Bargeld bereit, sondern verkaufen andere liquide Anlagen. Dazu können Technologieaktien, Geldmarktfonds und eben auch Bitcoin-ETF-Anteile gehören. Je spekulativer ein Portfolio ausgerichtet ist, desto wahrscheinlicher konkurrieren SpaceX und Bitcoin um denselben Teil des Kapitals.
5,8 Milliarden Dollar verlassen Bitcoin-ETFs
Nach den von Telepolis zusammengefassten Marktdaten verloren US-Spot-Bitcoin-ETFs während der jüngsten Abflussserie netto rund 5,8 Milliarden Dollar. Geoffrey Kendrick von Standard Chartered brachte laut Bloomberg die These ins Spiel, dass ein Teil der Investoren Bitcoin-Positionen auflöste, um Liquidität für den SpaceX-IPO zu schaffen.
Das Größenverhältnis macht deutlich, warum die Vermutung plausibel erscheint: Schon ein kleiner Teil der für SpaceX aufgegebenen Kaufaufträge wäre groß genug, um erhebliche Bewegungen bei Bitcoin-Fonds auszulösen. Der Kryptomarkt ist zwar global, seine kurzfristige Preisbildung reagiert jedoch empfindlich auf institutionelle Zu- und Abflüsse.
Korrelation ist noch keine Ursache
Trotzdem wäre es voreilig, den Bitcoin-Rückgang allein SpaceX zuzuschreiben. Öffentlich verfügbare ETF-Daten zeigen, wann Geld einen Fonds verlässt, aber nicht, wohin es anschließend fließt. Ein Anleger kann die Mittel in SpaceX-Aktien investieren, in Bargeld halten, Schulden tilgen oder in ganz andere Märkte umschichten.
Hinzu kamen mehrere Belastungsfaktoren: geopolitische Unsicherheit, schwankende Zinserwartungen in den USA, allgemeine Risikoaversion und Verkäufe großer Bitcoin-Halter. Auch Strategy, das Unternehmen von Michael Saylor, hatte erstmals seit 2022 Bitcoin verkauft, um Verpflichtungen gegenüber Vorzugsaktionären zu bedienen.
Der SpaceX-Börsengang kann den Verkaufsdruck verstärkt haben. Er ist aber wahrscheinlich eher Teil einer umfassenden Kapitalrotation als deren einzige Ursache.
Bitcoin konkurriert mit neuen Zukunftsgeschichten
Bitcoin wurde lange als eine der wenigen frei handelbaren Wetten auf technologische Zukunft, knappe digitale Werte und eine Alternative zum bestehenden Finanzsystem betrachtet. Inzwischen bietet der Aktienmarkt neue, ähnlich starke Erzählungen: Raumfahrt, künstliche Intelligenz, humanoide Roboter und private Energieinfrastruktur.
SpaceX verbindet mehrere dieser Narrative. Das Unternehmen gilt als Technologieführer bei wiederverwendbaren Raketen, betreibt mit Starlink eine globale Satelliteninfrastruktur und weckt Hoffnungen auf künftige Marsmissionen. Für Anleger, die hohe Risiken zugunsten großer Wachstumschancen akzeptieren, ist die Aktie damit ein direkter Konkurrent zu Bitcoin.
Weitere mögliche Börsengänge von OpenAI oder Anthropic könnten diesen Wettbewerb verschärfen. Das spekulative Kapital der Welt ist nicht unbegrenzt. Wenn ein Mega-IPO Liquidität bindet, fehlt sie kurzfristig an anderer Stelle.
Indexfonds könnten den Effekt verstärken
Auch Änderungen der Indexregeln spielen eine Rolle. Nasdaq und FTSE Russell haben Wege geschaffen, besonders große Börsenneulinge schneller in wichtige Indizes aufzunehmen. Sobald SpaceX dort vertreten ist, müssen viele passive Fonds die Aktie entsprechend ihrer Indexgewichtung kaufen.
Damit entsteht Nachfrage, die nicht von einer individuellen Einschätzung des Unternehmens abhängt. Indexfonds folgen ihren Regeln. Für andere Risikoanlagen kann dies indirekt bedeuten, dass Fondsmanager und Anleger ihre Gewichtungen anpassen und Kapital freimachen müssen.
On-Chain-Daten senden widersprüchliche Signale
Beim Bitcoin selbst ist die Lage nicht eindeutig. Die Bestände langfristiger Halter nähern sich laut den zitierten Analysedaten 16 Millionen BTC. Das spricht dafür, dass ein großer Teil des Angebots trotz des Kursrückgangs nicht bewegt wird.
Gleichzeitig sollen nur noch etwa 45 Prozent der Bitcoin-Bestände im Gewinn liegen. Vergleichbare Werte traten in früheren Zyklen häufig in Phasen starker Kapitulation auf. Sie markierten gelegentlich die Nähe eines Bodens, waren für sich allein aber kein verlässliches Kaufsignal.
CryptoQuant bezeichnete das aktuelle Niveau laut Bloomberg deshalb lediglich als möglichen Kandidaten für eine Bewertungsuntergrenze. Ob ein tragfähiger Tiefpunkt erreicht ist, muss sich erst durch stabilere Nachfrage und nachlassenden Verkaufsdruck bestätigen.
Was bedeutet das für Anleger?
- ETF-Abflüsse beobachten: Einzelne negative Tage sind wenig aussagekräftig. Entscheidend ist, ob sich die Serie über mehrere Wochen fortsetzt.
- Narrative nicht mit Fundamentaldaten verwechseln: SpaceX und Bitcoin können beide von starken Zukunftserwartungen profitieren, bleiben aber riskante und sehr unterschiedlich strukturierte Anlagen.
- Keine monokausalen Erklärungen akzeptieren: Kryptokurse reagieren gleichzeitig auf Liquidität, Zinsen, Politik, große Investoren und Marktpsychologie.
- Liquiditätsbedarf einplanen: Wer wegen eines Börsengangs andere Anlagen verkaufen muss, war möglicherweise bereits zu stark investiert.
Fazit: SpaceX ist ein plausibler Auslöser, aber kein Beweis
Die zeitliche Nähe zwischen dem Rekord-IPO und den Abflüssen aus Bitcoin-ETFs ist bemerkenswert. Die enorme Nachfrage nach SpaceX-Aktien dürfte Liquidität aus anderen spekulativen Anlagen gebunden haben. Dass ein Teil davon zuvor in Bitcoin lag, ist wahrscheinlich.
Aus den verfügbaren Daten lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die gesamten 5,8 Milliarden Dollar direkt zu SpaceX wanderten oder der Börsengang den Bitcoin-Rückgang allein verursachte. Sichtbar wird vor allem ein neuer Wettbewerb: Bitcoin ist nicht mehr die einzige große Zukunftswette. Raumfahrt und künstliche Intelligenz kämpfen inzwischen um dieselben risikobereiten Anleger.
Quellen
- Telepolis: Nach SpaceX-Rekord – zeigen Daten den Kapitalabzug bei Bitcoin?
- Reuters: SpaceX erzielt mit dem Börsengang 75 Milliarden Dollar
- Farside Investors: Tägliche Mittelbewegungen der US-Bitcoin-ETFs
- CryptoQuant: Bitcoin-On-Chain-Indikatoren
Disclaimer
Keine Anlageberatung: Dieser Beitrag dient ausschließlich der journalistischen Information und stellt keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Kryptowährungen, ETFs oder Aktien dar. Bitcoin und neu börsennotierte Unternehmen können stark schwanken und erhebliche Verluste verursachen. Prüfen Sie Angaben und Risiken eigenständig.


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