Ein Tag nach der Wiedereröffnung der Auszahlungen zeigt sich bei Binance ein klareres Bild: Der anfängliche Ansturm lässt nach, die Börse legt einen neuen Reservenachweis vor – und die Ermittler verfolgen weiter die Spur der gestohlenen Milliarden. Am Montagabend um 23:06 Uhr (Berliner Zeit) notierte Bitcoin laut CoinGecko bei rund 76.730 Dollar (etwa 68.590 Euro), ein Minus von gut 1,3 Prozent in 24 Stunden. Der hauseigene Token BNB lag bei etwa 698 Dollar, Ether bei rund 2.254 Dollar.
Bereits am Montagmorgen hatten wir die ersten Abflüsse nach dem Rekord-Hack über 6,3 Milliarden Dollar eingeordnet. Seither sind neue Zahlen und ein wichtiger Transparenzschritt dazugekommen.
Abflüsse: Offizielle Zahlen und On-Chain-Schätzungen
Für die ersten neuneinhalb Stunden nach der Öffnung am Sonntag nennt Binance weiterhin 4,65 Milliarden Dollar Abhebungen und 1,01 Milliarden Dollar Einzahlungen – unterm Strich 3,64 Milliarden Dollar Nettoabfluss, rund 2,1 Prozent der zuvor ausgewiesenen 171 Milliarden Dollar Kundengelder. Später meldete die Börse laut Reuters und Bloomberg, der Nettoabfluss sei seit der Wiedereröffnung auf etwa 4,72 Milliarden Dollar gestiegen; gleichzeitig seien 2,7 Milliarden Dollar wieder eingegangen. Die Abhebungen hätten sich nach dem ersten Ansturm beruhigt, die meisten Abflüsse seien in USDT gelaufen – dem an den Dollar gekoppelten Stablecoin von Tether.
Davon weichen die On-Chain-Schätzungen ab. DefiLlama, das öffentliche Wallet-Bewegungen misst, zeigte im Tagesverlauf Nettoabflüsse zwischen etwa 5,8 und 6,1 Milliarden Dollar, zeitweise einen Peak nahe 7 Milliarden; später fiel die 24-Stunden-Zahl laut The Block auf rund 3,29 Milliarden Dollar. In den erfassten Binance-Wallets lagen danach noch etwa 128 Milliarden Dollar – weniger als die 171 Milliarden aus dem eigenen Reservenachweis vom 28. Oktober. Der Unterschied kommt unter anderem daher, dass On-Chain-Daten auch interne Umbuchungen erfassen können und nicht jede Reserve-Adresse abdecken.
Reservenachweis fertig – nächste Auszahlungsphase morgen
Am Montag hat Binance den Reservenachweis (Proof of Reserves) für den Snapshot vom 31. Oktober fertiggestellt – einen Tag früher als zunächst geplant. Mit einem Zero-Knowledge-Beweis, der Guthaben ohne Offenlegung einzelner Konten prüft, sollen Kunden mit BTC, ETH, USDT, BNB, SOL, USDC, XRP, USD1, RLUSD und ZEC nachvollziehen können, dass ihre Bestände mindestens eins zu eins gedeckt sind. Co-Chef Richard Teng sprach von einem weiteren Weg, die Deckung der Assets zu prüfen. Ein neuer, breiterer Snapshot ist für Mittwoch, den 4. November, geplant; die Berechnung soll danach 40 bis 50 Stunden dauern, so Mitgründerin Yi He.
Parallel öffnete die Börse am Montag wieder Fiat-Auszahlungen in US-Dollar und weiteren Währungen. Die nächste Phase für weitere Krypto-Netzwerke und Coins soll ab Dienstag, dem 3. November, schrittweise folgen – genaue Listen will Binance nachreichen, sobald die Sicherheitsprüfungen stehen.
95 Prozent ersetzt, Geldwäsche läuft weiter
An der Entschädigung ändert sich wenig: Binance deckt nach eigenen Angaben weiter rund 95 Prozent der gestohlenen 6,3 Milliarden Dollar mit eigenen Mitteln – aus dem Notfallfonds SAFU (Secure Asset Fund for Users), dem Versicherungsfonds für Terminkontrakte und der Firmenkasse. Den Rest, vor allem schwer handelbare kleinere Coins, wolle man nachkaufen. Gründer Changpeng „CZ“ Zhao betonte laut CoinDesk, die Börse habe dafür weder Kredite aufgenommen noch Assets verkauft noch Kapital eingesammelt – alles komme aus der Bilanz.
Bei den gestohlenen Mitteln bleibt die Lage unübersichtlich. Stablecoin-Emittent Circle meldete CNBC, in Abstimmung mit Behörden seien inzwischen mehr als 1,1 Milliarden Dollar in USDC eingefroren – nach zuvor gut 800 Millionen. Elliptic schätzt, dass die Angreifer noch rund 3,28 Milliarden Dollar kontrollieren, vor allem in Bitcoin und Ether, und beschreibt die Geldwäsche als hochkomplex und klar automatisiert. Das FBI hatte am Samstag die nordkoreanische Einheit TraderTraitor (verbunden mit der Lazarus-Gruppe) als Drahtzieher genannt und Adressen zum Blockieren veröffentlicht.
Konkurrenz gewinnt, der Markt bleibt nervös
Während Geld von Binance abfließt, verzeichnen Rivalen Zuflüsse – ohne dass klar ist, wie viel davon direkt von Binance-Kunden stammt. CoinDesk nannte rund um die Wiedereröffnung etwa 450 Millionen Dollar Nettozufluss bei OKX und rund 134 Millionen bei Bybit; Reuters/DefiLlama meldeten später für ein 24-Stunden-Fenster niedrigere Werte (OKX rund 285 Millionen, Gate 93 Millionen, Bybit 29 Millionen). Tim Sun von HashKey Group sagte Reuters, bislang sei kein flächendeckender Panikabzug zu sehen.
Am Markt lastet der Hack weiter mit. Bitcoin gab am Montagabend nach, nachdem er tagsüber zeitweise Richtung 79.000 Dollar gelaufen war. Solana notierte um 23:06 Uhr bei etwa 92 Dollar (minus gut 2 Prozent). Die US-Kongresswahl am Dienstag bleibt neben jedem neuen Binance-Update der nächste große Kursfaktor.
Was als Nächstes ansteht
Kurzfristig zählen drei Termine: die schrittweise Öffnung weiterer Auszahlungsnetzwerke ab Dienstag, die US-Wahlergebnisse und der erweiterte Reservenachweis nach dem Snapshot am Mittwoch. Offen bleibt, ob Binance die restlichen fünf Prozent der betroffenen Coins zeitnah beschafft, wie viel der Beute tatsächlich eingefroren wird – und ob Kunden dauerhaft in Eigenverwahrung oder zu Konkurrenten wechseln.
Quellen
- The Block: Binance completes latest proof of reserves
- Reuters via BNN Bloomberg: Binance clients pull US$4.7B after hack
- CNBC: Binance sees $3.64 billion in net outflows; Circle freezes over $1.1B USDC
- CoinDesk Live Updates: Binance outflows, CZ on balance-sheet cover
- BBC: Users withdraw $3.6bn; Chainalysis on ongoing laundering
- CoinDesk: FBI confirms TraderTraitor / North Korea
- Coinzeitung: Morgenmeldung zu den ersten Abflüssen (2.11.2026)
- CoinGecko: Kursdaten (Stand 2.11.2026, 23:06 Uhr Berliner Zeit)
Keine Anlageberatung: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Kryptowährungen dar.


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